Das Wiener Mädl – ein Mythos?

Wer kennt es nicht, das Klischee vom süßen Vorstadtmädl oder dem kapriziösen Komtesserl? Vornehmlich aus den alten Schwarz-Weiß-Filmen mit Hans Moser und Theo Lingen, dargestellt von Hannerl Matz oder Romy Schneider. Oder etwas theatralischer behandelt bei Johann Nestroy und Arthur Schnitzler. Besonders bei Letzterem spiegelt sich die Dramatik der Stellung der Frau im vorigen Jahrhundert eindrücklich wider.

Aber gibt es sie wirklich noch – die echten Wiener Mädl?

Und ob – man muss nur ein bisserl genauer schauen.

Es sind diejenigen, die am Graben und der Kärntner Straße eilig zwischen den Touristen durchtänzeln – je nach Tageslaune auf High-Heels oder in Ballerinas, selten jedoch dem Wetter angepasst, denn sie bewegen sich ja in ihrem Vorzimmer. Sie umgehen die Russen, die mit Vorliebe zu sechst in einer Reihe unterwegs sind, ducken sich unter den Selfie-Sticks der Japaner, die immer dann wie ein Schwert in die Luft gestoßen werden, wenn man’s am wenigsten erwartet (das kann einem übrigens auch in Verona passieren) und ziehen im Vorbeigehen den jungen Burschen von der Straße, der in sein Handy vertieft bei der Sacher-Kreuzung beinahe in ein Auto gelaufen wäre.

Ja, sie sind gut erzogen und sprechen neben diversen Fremdsprachen – Lycee francais de Vienne, Sacré Coeur und Schottengymnasium sei Dank – ein gepflegtes Wienerisch. So trifft man sich „auf ein Schalerl Kaffee“ oder ein „Glaserl Prosecco“ beim Demel, Sacher oder im Landtmann – nicht, weil diese Lokale so berühmt sind, sondern weil sie schon als kleines Mädchen mit der Großmama dort verkehrten und sich der Herr Karl immer so liebenswürdig um einen kümmert.

Drei Bälle pro Saison sind Pflicht, schließlich wurden sie schon in jungen Jahren in die Tanzschule geschickt – vorzugsweise zum Elmayer, Wagner oder Rueff – und jetzt ehrlich, gibt’s was Schöneres, als zu Walzerklängen durch die Hofburg zu schweben?

Generell sind sie sehr charmant und herzlich, doch versuche nie, sie von der Seite blöd anzureden – da kann’s schon passieren, dass ihnen aus Versehen der Stöckelschuh auskommt. Uuuupps! Das tut mir aber leid …

Öffentliche Verkehrsmittel wie U-Bahn und Bim sind verpönt. Einzige Ausnahme bilden die Innenstadtbusse 1A, 2A und 3A. Im Bedarfsfall wird sie dem jungen Mann mit leicht hochgezogener Augenbraue zu verstehen geben, dass sie die Fahrt lieber im Sitzen verbringen würde – funktioniert immer. Ansonsten kann man das Stückerl ja auch zu Fuß gehen.

Für weitere Strecken nimmt man das Taxi, bestellt einen Wagen über UBER oder reserviert vielbesagtes CAR-TO-GO, dessen Benutzung oftmals zu einer abenteuerlichen Tour durch Wien ausartet.

Geheiratet wird aus Liebe und warum auch nicht? Dank ihrer Erziehung verkehren sie ja sowieso nur in den Kreisen, wo der Ehemann die Finanzierung ihres Lebensstils nahtlos vom Schwiegervater übernimmt – das Angeln eines reichen Mannes überlassen sie den Russinnen. Weil sie es sich wert sind, compris?

Alles wieder nur ein Klischee?

Mag sein, doch sollte euch je eines dieser selten gewordenen Wesen über den Weg laufen, so streut ihm Feenstaub und ihr werdet mit einem Zauber belohnt.

Wiener Mädl sind die weißen Einhörner unserer Zeit – ich schwör’s!

 

2 Antworten auf „Das Wiener Mädl – ein Mythos?“

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